Was wir wollen können – Bürgerliche Identität im 21. Jahrhundert

Ein eindrucksvoller Beitrag zur Konservatismus-Debatte

Rezension des Buches „Was wir wollen können. Bürgerliche Identität im 21. Jahrhundert“ von Prof. Dr. Harald Seubert für die Zeitschrift „Diakrisis“.

Noch vor wenigen Jahren war der 1967 geborene Kulturphilosoph Harald Seubert nur Kennern ein Begriff. Doch inzwischen hat der vielseitige Denker, der in Posen, Bamberg und München lehrt, durch charismatische Redeauftritte und eindrucksvolle Publikationen rasch an Bekanntheit gewonnen. Im Frühjahr 2010 wurde er zum Präsidenten des Preußeninstituts gewählt, im Sommer 2011 zusätzlich zum Präsidenten der konservativen „Denkfabrik“ Studienzentrum Weikersheim. Außerdem verwaltet Seubert das geistige Erbe des 2008 verstorbenen Günter Rohrmoser und ist auch dadurch zu einer Schlüsselfigur des intellektuellen Konservatismus in Deutschland avanciert. Sein neues Buch „Was wir wollen können. Bürgerliche Identität im 21. Jahrhundert“ dürfte dazu beitragen, diese Position auszubauen.

Das Buch setzt sich das anspruchsvolle Ziel, in einer Zeit das rapiden gesellschaftlichen Umbruchs herauszuarbeiten, was eine bürgerlich konservative Identität heute und in Zukunft überhaupt ausmacht. Wie notwendig diese Klärung ist, zeigt sich schon daran, dass heute auch eine so eindeutig linke Partei wie die Grünen sich und ihre Wähler als „bürgerlich“ versteht. Das war noch vor wenigen Jahren ganz anders, als auch Grüne und SPD sich – wie bis heute die Linkspartei - entschieden von „bürgerlichen“ Parteien abgegrenzt haben. Doch die Koordinaten haben sich verschoben: Während heute alle irgendwie „bürgerlich“ sein wollen, will niemand mehr im Entferntesten als „rechts“ gelten und selbst die C-Parteien tun sich erkennbar schwer mit allem, was „konservativ“ wirken oder womöglich sein könnte.

In dieses Umfeld schreibt Harald Seubert, der allerdings die parteipolitische Dimension der Konservatismus-Debatte nur zwischen den Zeilen behandelt. Schon im Vorwort erklärt er mit einem knappen Satz, warum das so ist: „Im Kern geht es dem Konservativen nicht um Parteilichkeit neben anderen Parteilichkeiten, sondern um einen begründeten Konsens für das Gemeinwesen – in europäischer und globaler Perspektive.“

Die Begründungen eines Konsenses mit so weitreichendem Anspruch können gar nicht tief genug sein, sie reichen weit in die Geschichte und letztlich in die religiöse Dimension hinein. Und so begründet Seubert seine Positionen nicht nur vor dem Hintergrund von über 2000 Jahren philosophisch-denkerischer Anstrengungen, sondern er gehört zu denen, die daran festhalten, „dass das freiheitlich-demokratische Gemeinwesen christliche Arkana zu seiner Voraussetzung hat“. Diese Überzeugung, die anders als diese „Arkana“ (Glaubensgeheimnisse) selbst, nicht auf einer Offenbarung, sondern auf logischen Schlüssen basiert, schließt für Seubert ausdrücklich „Respekt und Achtung vor dem Agnostiker ein, der sein Ethos ohne den christlichen Grund der Hoffnung oder den jüdischen Bund gestaltet“. Dieser Respekt, der letztlich wieder in christlichen Überzeugungen wurzelt, ist etwas ganz anderes als die zunehmende Vergötzung einer „Toleranz“, die keinen eigenen Standpunkt mehr hat, sondern relativistisch irrlichtert und sich dabei selbst ad absurdum führt, weil sie zur Intoleranz tendiert.

Seubert analysiert und bestimmt die Begriffe „bürgerlich“ und „konservativ“ anschaulich anhand der Bildungspolitik (wo er die sogenannte „Bologna-Universität“ mit spitzer Feder kritisiert), anhand der friedlichen Revolution von 1989 (die er mit der Französischen Revolution kontrastiert und als Beispiel eines weltoffenen Patriotismus würdigt) sowie anhand der inneren Entwicklungen Deutschlands seit der Wiedervereinigung. In diesen Kapiteln verbinden sich analytische Genauigkeit eindrucksvoll mit Beobachtungsgabe und Sprachkraft. Hier wird konkret, was in den vorangehenden Kapiteln 2 und 3 auf sehr hohem Niveau teilweise recht abstrakt hergeleitet und diskutiert wurde. Zweifellos brillant, sind manche Passagen dieser Kapitel doch schwere Kost und nicht jedermanns Sache.

Ein weiteres Glanzlicht des Buches ist das Kapitel 7 „Christliches Abendland ohne Christus?“. Eindrucksvoll zeigt Seubert auf, welche Gefahren eine „Diktatur des Relativismus“ birgt, die selbst nicht-christliche Denker wie der italiensche Wissenschaftsphilosoph und Senatspräsident Marcello Pera bereits als „unsere uneingestandene Zivilreligion, die unsere Kultur zerstört“ brandmarken. Seubert plädiert dagegen in der Tradition Hegels und nahe an den Vorstellungen von Papst Benedikt XVI. dafür, „aus dem Geist des Christentums heraus auch die Aufklärung, die Moderne und ihre Errungenschaften zu retten“. Er zitiert zustimmend den französischen Philosophen Rémi Brague: „Dieses moderne Europa, diese von Christus sich ablösende Welt kann es fertigbringen, wirtschaftlichen Wohlstand, ja Kultur zu erhalten und eine praktische Antwort auf die Fragen des Lebens zu geben. Aber sie vermag nicht mehr zu sagen, warum es gut ist, dass es auch weiterhin Menschen geben soll, die ein solches Leben leben!“

Das so Seubert, sei die entscheidende Frage und sie könne „wohl aus den heute dominierenden Denk-systemen heraus gar nicht beantwortet werden.“ Hier könne der Christ nur vom Zentrum des Glaubens heraus leben und denken. „Es könnte in der Tat das Entscheidende am Beginn des 21. Jahrhunderts sein, die christliche Frage wieder zum Leben zu erwecken.“ Damit das gelinge, bedürfe es einiger Voraussetzungen. „Zunächst erfordert ein wirksames christliches Leben, dass der einzelne Mensch in seinem Gebet, in seinem Glauben sich wieder zu Christus wendet.“ Das sei ganz unerlässlich, denn sonst bliebe jeder politische und auch philosophische Appell abstrakt.

Als Leser staunt man zunächst über solche Passagen. Aber wenn sich aufzeigen lässt, dass freiheitlicher Rechtsstaat, Demokratie und soziale Marktwirtschaft nicht nur in ihrer Entstehung auf christlichen Impulsen basieren, sondern diese Impulse laufend benötigen, um stabil fortbestehen zu können, dann ist der Appell zur christlichen Erneuerung nur folgerichtig. Seubert hat hier den Mut, zu Ende zu denken und auszuführen, was andere konservative Autoren an dieser Stelle meist nur besorgt andeuten. Schon allein aus diesem Grund verdient das Buch Beachtung zumal im christlichen Bereich. Dass Seubert in einer völlig schwammig gewordenen Konservatismus-Debatte nicht weniger als eine Philosophie freiheitlichen bürgerlichen Selbstverständnisses entwickelt, ist der andere, eindrucksvolle Beitrag dieses Buches zur Klärung und Orientierung in einer Zeit des Umbruchs.

Matthias Fischer

Im Druck noch unveröffentlicht, Veröffentlichung hier mit freundlicher Genehmigung des Schriftleiters von „Diakrisis“, Andreas Späth.