Was wir wollen können – Bürgerliche Identität im 21. Jahrhundert

Interview zum Buch „Was wir wollen können. Bürgerliche Identität im 21. Jahrhundert“ mit dem Autor Prof. Dr. Harald Seubert.

Frage: Herr Professor Seubert, warum müssen die Begriffe „bürgerlich“ und „konservativ“ heute neu geklärt werden?

Harald Seubert: Anhänger ebenso wie Gegner haben heute zumeist nur einen verwaschenen unklaren Begriff des ‚Konservatismus’. Die Diskussion in der CDU ist ein Indiz: Man geht davon aus, dass die konservativen Partien der Partei inzwischen eine quantité negligeable bilden; und man sieht, was m.E. abstrus ist, sogar eine Differenz zwischen ‚konservativem’ und christlichem Moment. Teils trug dazu bei, dass in den letzten Jahren ein Manchesterkapitalismus, oftmals die Kehrseite eines „Geldsozialismus“ (R. Baader) unbefragt mit ‚konservativ’ gleichgesetzt wurde; oder man versteht darunter eine erstarrte Position des Status quo. Meine Auffassung ist demgegenüber, dass ein Konservatismus des 21. Jahrhunderts sich der christlichen und Vernunft-Identität Europas versichern und sich, wie Goethe einmal sagt, „vor dreitausend Jahren muss Rechenschaft abgeben“ können. Zugleich muss er Gegenwart und Zukunft zu verstehen suchen. Ein solcher Konservatismus hat nichts mit Reaktion und nichts mit alten Nationalismen und ihren Stereotypen zu tun. Er steht auch nicht im Gegensatz zum Liberalismus, und er hat, wie die soziale Marktwirtschaft zeigt, die soziale Frage in sich aufgenommen. Ihm geht es, wie ich meine, nicht um Parteilichkeit neben anderen Parteilichkeiten, sondern die dringend erforderliche Gewinnung der Mitte.

Ähnlich komplex ist es mit dem Begriff der Bürgerlichkeit. Er ist aufs Engste mit Republik und Demokratie verbunden. So sprach schon Aristoteles von der Bürgerschaft als politike koinonia (bürgerliche Gemeinschaft). Bürgerlichkeit ist mithin zunächst ein Freiheitsbegriff. Erst später wird es eine soziale Kategorie, angefeindet von der Linken, etwa den 68ern, aber auch bereits im Nationalsozialismus unter Kuratel gestellt. Der Nationalsozialismus war eine dezidiert anti-bürgerliche Bewegung. Heute begreifen sich paradoxerweise grüne Besserverdienende als neues Bürgertum. Sie sind unter veränderten Vorzeichen Bourgeois, nicht Citoyens: Besitz- und Wut-, aber eben nicht Staatsbürger.

Seit einigen Jahren will in Deutschland niemand will mehr als „rechts“ gelten, selbst die CDU nicht, aber alle als „bürgerlich“ – sogar eindeutig linke Parteien. Wird „Bürgerlichkeit“ teilweise zu Unrecht beansprucht?

Seubert: Ich meine, dies ist in der Tat der Fall. Bürgerlichkeit ist keine Frage der Steuerklasse. Dazu gehört ein gemeinsamer Kanon, Bildung ist ein wesentliches Kriterium, ein Lebenshabitus, der eine gewisse Souveränität und Unabhängigkeit erkennen lässt; Zivilcourrage aber zugleich Staatsfreundschaft (D. Sternberger). Demgegenüber sehe ich bei jenen neuen ‚Bürgern’ oftmals nur das Argument des Eigennutzes. Man darf nicht übersehen, dass nach dem Niedergang der eisernen Bande des Kalten Krieges eine gesamteuropäische bürgerliche Identität wieder möglich wurde. Die „Anti-Politiker“, wie der große Václav Havel haben Mitteleuropa dezidiert bürgerlich definiert. Daran gilt es in der ganzen europäischen Dimension des Begriffs anzuknüpfen. Auch das Votum „Wir sind das Volk!“ in der DDR war im guten Sinn bürgerlich. Und was ‚Rechts’ und ‚Links’ angeht: ich weiß wohl um die spezifischen deutschen Probleme, sich zu bestimmen. Doch eine Mitte kann es nur geben, wenn es auch eine profilierte demokratische Rechte und Linke gibt. Rechts ist nicht mit rechtsextrem gleichzusetzen und „Kampf gegen den Faschismus“ macht eine linksextreme Position noch lange nicht akzeptabel. Wenn wir das vergessen, verspielen wir den Konsens.

Warum gehören Respekt für gewachsene Institutionen und „Staatsfreundlichkeit“ zu authentischer Bürgerlichkeit?

Seubert: Die bürgerliche Gesellschaft ist im Zuge der Französischen Revolution und der Industriellen Revolutionen nicht mehr als homogenes Gebilde verfasst. Dies hat als erster Hegel analysiert. Bürgerliche Gesellschaft wird zum Kräfteparallelogramm zwischen Produzenten und Konsumenten, ein System erzeugter und befriedigter Bedürfnisse. Daran haben Marx’ Analysen angeschlossen; er hat freilich die Gesellschaft nur noch als riesiges Räderwerk wahrhaben wollen. Hegel sah dagegen, dass es des Staates bedarf, um die Interessen einzuhegen. Dabei gehen Kant und Hegel über den Staat als Befriedungsinstanz hinaus, der eine große Errungenschaft der Neuzeit gewesen ist. Thomas Hobbes hat diesen Staatsbegriff in seinem ‚Leviathan’ mit Brillanz analysiert. Kant und Hegel sprechen aber vom sittlichen Staat, der Freiheit allererst institutionalisiert. Die preußische Staatsidee hat dabei vorbildliche Funktion. Dies ist ein hoch aktueller Gedanke. Dabei geht es darum, dass die pazifizierende Substanz des Rechtsstaates auch international vorangetrieben wird. Hier sehe ich große Defizite derzeit nicht. Umgekehrt bedarf es aber des Nationalstaates nach wie vor, denn ein ewiger Friede wird, wie Kant es sagte, nur als freie Föderation von Nationalstaaten entstehen. Staatsfreundschaft ist, lassen Sie mich dies hinzufügen, in jedem Falle ein wechselseitiger Akt: Staatliches Handeln muss seinerseits erkennen, wer seine Freunde, wer seine Gegner sind. Wenn dies nicht mehr klar ist, beginnt die große Verwirrung, lehrt schon Platon. Institutionen sind in der Tat ein gewachsener Habitus. In England und Frankreich sehen wir hier mehr Kontinuität als in Deutschland mit seinen großen Abbrüchen. Doch Institutionen geben Halt und formen das Leben. Ohne sie geht es nicht.

Welche Bedeutung haben dabei Geschichtsbewusstsein und ein räumlich weiter Horizont mit Aufmerksamkeit für außenpolitische Fragen?

Seubert: Ich meine mit Heidegger, dass es ohne Wissen um Herkunft keine Zukunft geben kann. Gewiss, Geschichte wiederholt sich nicht einfach. Doch wenn man ihre Lektionen nicht gelernt hat, kehrt sie schrecklicher von unerwarteten Seiten her wieder. Vor diesem Hintergrund sehe ich den „historischen Analphabetismus“, in Schulen, aber längst auch schon in Universitäten mit großer Skepsis. Geschichtsbewusstsein bedeutet auch freimütige, wahrhafte Erkenntnis des Gewesenen: Des Schlimmen und des Großen. Geschichte verlangt Einsicht, Nüchternheit, möglichst umfassende Wahrnehmung. Auch hier gilt das biblische Wort, dass die Wahrheit frei macht. Die außenpolitische, geostrategische Denkweise stand in Deutschland nach 1945 lange unter Verdacht. Sie, und damit auch die Definition wohlverstandener nationaler Interessen im internationalen Konzert, ist aber unerlässlich. Am Beginn des 21. Jahrhunderts tariert sich die Welt neu aus. Es ist m.E. wesentlich, dass die transatlantische Allianz und Europa darin ihre Rolle neu finden. Hier hat Deutschland, Schlachtfeld und Schachbrett in der Mitte Europas (M. Stürmer), eine langfristige strategische Aufgabe. Um klar zu sehen, bedarf es eines historisch geeichten Kompasses.

Warum sollte die europäische Einigung die Nationalstaaten nicht infrage stellen?

Seubert: Immer war Europa „Einheit aus Vielheit“. Die Vorstellung eines vorweggenommenen Weltstaates, der für sich schon eher ein Schreckens- als ein Friedensgedanke ist, widerspricht diesem Differentsein. „Vereinigte Staaten von Europa“ laufen also dem Europagedanken zuwider, den de Gaulle m.E. bis heute gültig in die Formel vom „Europa der Vaterländer“ gebracht hat. Gewiss, wir erleben Migrationsbewegungen, Angleichungen der Bevölkerungen in Europa. Doch es gibt nach wie vor Rechts- und Kulturtraditionen, die sich deutlich unterscheiden und nicht in eine „bunte Republik“, einen Flickerlteppich, wie man in meiner bayrischen Heimat sagt, aufzulösen sind. Sie können nur durch Komplementarität voneinander lernen und einander fruchtbar ergänzen.

Sie sind ein entschiedener Kritiker der sog. Bologna-Universität. Warum ist das so und inwiefern verstärkt der Niedergang der klassischen Universität die gesellschaftlichen Probleme, die Skeptiker als Dekadenz bezeichnen?

Seubert: Nun, auch die Universität vor der Bologna-Reform war nicht mehr, was sie im Humboldtschen Sinn der Einheit von Forschung und Lehre sein sollte. Sie war zu einem oftmals mediokren Massenbetrieb geworden; leider setzten sich in der Fläche nicht die – teilweise durchaus elitären – Neugründungsideen der späten sechziger, siebziger Jahre (Bielefeld, Konstanz) durch, und leider wurde auch im Zusammenhang der deutschen Einheit die Chance einer wirklichen Erneuerung der deutschen Universität verspielt. Bologna ist vor allem in den Geisteswissenschaften, die ich pro domo überblicke, und in Theologie und Rechtswissenschaft eine Verflachung, eine schlechte „Verfachhochschulung“. Man beruft sich auf die angelsächsischen Länder, verschweigt aber, dass man nur die Mediokrität von dort übernimmt, nicht die Elite. – Die klassische Universität ist ein Ort freien, uneingeschränkten Denkens, einer Gemeinschaft älterer und jüngerer Forscher in bestimmten Rangordnungen und eben kein Dienstleistungsunternehmen, keine Erzeugungsmaschinerie für Abschlüsse. An der Universität sollte ein bestimmtes Ethos bestehen, das für alle verbindlich ist – und die jüngsten Plagiatsangelegenheiten, Spitzen eines Eisbergs, zeigen doch, wie sehr es beschädigt ist. Universitäten als Ort des Ethos und der Freiheit: Wenn die wirklichen Eliten, Juristen, Mediziner, Lehrer, Theologen dies für einige Jahre erlebt haben, hat es für ihr lebenslanges Wirken und für die Gesellschaft insgesamt immense Konsequenzen. Diese Universitätsprägung fehlt heute.

Sie lehren, dass die Aufklärung auf zwei großen Traditionslinien basiert – einer nichtchristlichen, von der Kirche sogar bekämpften und einer zumindest unbewusst christlich geprägten und inspirierten Linie. Letztere sei die fortwirkende, eigentlich tragende, heute aber gefährdete Grundlage der Aufklärung. Muss die Aufklärung durch eine christliche Erneuerung gerettet werden?

Seubert: Mich stört, die abstrakte Berufung auf „die Aufklärung“, auch im „Verfassungswerk“ der EU. Man muss zunächst diese beiden von Ihnen genannten Aufklärungslinien unterscheiden, man muss sich sodann fragen, woraus Aufklärung ihre Substanz geschöpft hat: Und da ist es neben dem Gedanken der Vernunft, der sich auch schon auf das antike Griechenland beziehen kann, und des universalen Rechtes vor allem die Menschenwürde und die universale Freiheit. Sie sind aber überhaupt erst durch christliche Verkündigung und Dogmatik in die Welt gekommen: durch die - allerdings bereits alttestamentarische und damit auch jüdische – Lehre von der Gottebenbildlichkeit des Menschen, und die spezifisch christliche Menschwerdung Gottes. Deshalb kann ich Ihre Frage nur eindeutig bejahen, zumal man erstmals in der Französischen Revolution sah, dass eine von ihrer christlichen Wurzel abgekoppelte Aufklärung Ungeheuer hervorbringt, Gewalt und Terror. Der große marxistische Philosoph Ernst Bloch, Lehrer meines Lehrers Manfred Riedel, sprach vom „Aufkläricht“. Die Analogie zu „Kehricht“ ist beabsichtigt.

Gefährdet also der Niedergang des christlichen Erbes unseres Kontinents – vom praktizierten Glauben über den traditionell christlich geprägten Wertekonsens – die Stabilität von Rechtsstaat und Demokratie?

Seubert: Vittorio Hösle sagt einmal: man müsse ein sehr moralischer Mensch sein, um sich den Atheismus leisten zu können. Und selbst dann habe ich noch Zweifel. Wir sehen, dass der Verlust christlicher Bindung in Europa zu einem umfassenden Relativismus führt, der Papst hat ihn 2007 noch vor seiner Wahl als „Diktatur“ analysiert; zu Utilitarismus, Eigensucht oder bei den besseren Seelen zu oft tiefgreifende Orientierungslosigkeit. Unsere Verfassung verweist auf das Sittengesetz: Es ist die aufklärerische, Kantische Übersetzung des Wertekanons, der ohne Christentum nicht denkbar wäre. Ich würde ihn mit Habermas als einen „Glutkern“ von Religion bezeichnen, der auch für Agnostiker, Atheisten und für Menschen aus anderen Religions- und Kulturkreisen von entscheidender Bedeutung ist. Es ist einer der tiefsten Gründe für Menschenrechte und Menschenwürde: dafür, dass auf Erden und in diesem Land Menschen menschlich leben können. Unsere Zivilreligion können wir nicht einfach auf wahllosen Pluralismus bauen; sie sollte auf diese Unterschiedenheit und Entschiedenheit bezogen sein.

Sie lehren auch in Posen. Gibt es Teile des klassisch-europäischen Denkens, die in Polen heute besser verstanden werden und deren Früchte dort womöglich besser bewahrt sind als in Deutschland?

Seubert: Polen ist in starkem Umbruch. Auch dort greift, teils mit atemberaubender Geschwindigkeit, Säkularisierung und Entchristlichung. Zudem geht die Reise der jungen Leute stark in den angelsächsischen Raum, nach Südamerika, nach China. Aber das traumatische und nahe Verhältnis zu Deutschland ist nach wie vor sehr ausgeprägt. Was Sie fragen, kann ich nicht nur für Polen, sondern auch für die Studenten aus Korea, Japan, Indien, Russland bejahen, die ich an meinen deutschen Wirkungsorten oft bis zur Promotion betreut habe: Sie haben einen Sinn und eine Kulturachtung für die Höhenwege deutschen Geistes, Kant, Goethe, Hegel, Heidegger, wo bei uns ein wenig Political Correctness und Zynismus sind. Und viele, die die deutsche Sprache lernen, um solche Denker und Dichter zu lesen, finden sie auf den Curricula nicht oder kaum.

Was müsste in Deutschland schon bald, etwa in den kommenden zwei bis drei Jahren, unbedingt geändert werden?

Seubert: Ich will nicht von einzelnen Maßnahmen sprechen. Sie unterliegen Konsens und Kompromisserfordernissen, auch internationalen Verflechtungen. Aber: Es sollte das unsägliche Wort von der „Alternativlosigkeit“ verschwinden, und das heißt: Wir brauchen in unserem Land freie, tiefe, bürgerliche Debatte in und außerhalb des Parlamentes über die wesentlichen Fragen. Wir brauchen endlich wieder Zivilcourage und mehr Parrhesia: Freimut in öffentlicher Rede. Wir brauchen wieder einige Elementartugenden als Selbstverständlichkeit, auch hier halte ich Preußen für eine Leitidee. Wir müssen, vor allem, den antitotalitären Konsens, der die alte Bundesrepublik getragen hat, gegenüber verfassungs- und republikfeindlichen Tendenzen rechts- wie auch linksextremer Strömungen wiedergewinnen und Respekt und Achtung vor Institutionen. Hier gibt es Unterhöhlungen, die auf ein sittliches Vakuum deuten. Parteien wirken bei der politischen Willensbildung mit, sie sind sie aber nicht. Und, es bedarf der verantwortlichen, unabhängigen Stimmen, nicht der Experten, die zugleich Lobbyisten sind. Es kann doch nicht sein, dass unabhängige Geister, die etwa in der Euro-Frage abweichende Meinungen haben, verschwefelt und als „Europagegner“ desavouiert werden, dass eine jede Position, die auch konservative Züge hat, von „Antifas“, denen zumindest unwissende, wenn nicht manchmal böswillige Redakteure auch schon in staatlichen Sendern folgen, mit Rechtsextremismus gleichgesetzt werden. Wir brauchen weniger Schein und Intriganz, in Medien und Think Tanks, weniger Technokratie, sondern Aufbruchsgeist und Gemeinsinn. Das Grundgesetz kann noch immer ein Maßstab sein. Aristoteles nennt das „Sinn für das Tunliche“. Dann wären auch Neutrierungen des Bildungsbegriffs und des Wertesystems entscheidend: Wir brauchen wieder eine sichtbare Elite, die den Namen verdient und sichtbar sollten die werden, die unbemerkt, einer solchen Elite längst angehören.

13. Januar 2012; die Fragen stellte Konrad Badenheuer.