50 Thesen zur Vertreibung

Eminente Bedeutung für die Gegenwart

[Peter Uhl] Der Publizist, der unter anderem als Kommentator für die linke Tageszeitung „Pravo“ schreibt, geht damit auf Distanz zum Hauptstrom der öffentlichen Meinung in seiner Heimat. Er hält die sogenannte Abschiebung eindeutig für eine Vertreibung, die nicht durch die Naziverbrechen zu rechtfertigen sei, „die von der ganzen Welt, einschließlich den Deutschen und Sudetendeutschen, zu Recht verurteilt worden sind“. In diesem Punkt befindet sich Uhl in Übereinstimmung mit dem amerikanischen Historiker und Völkerrechtsexperten Alfred de Zayas, der just zu den großen Vertriebenentreffen - zu Pfingsten versammeln sich auch die Ostpreußen in Berlin - 50 Thesen zur Vertreibung vorgelegt hat. Für de Zayas ist der Zweite Weltkrieg zwar der Anlass, nicht aber die Ursache der Vertreibung gewesen. „Der heute oft behauptete einfache kausale Nexus zwischen Krieg und Vertreibung überzeugt nicht und ist zudem wissenschaftlich unhaltbar“, erklärte de Zayas der WELT. „Das Kriegsende wäre ohne die Vertreibung der Ostdeutschen durchaus denkbar gewesen. Die Rheinländer wurden von den Franzosen und Niederländern nicht nach Osten vertrieben. Weshalb wurden die Ostpreußen und Sudetendeutschen nach Westen verjagt?“ Ursache der Vertreibung waren nach de Zayas die freien Entscheidungen einiger Politiker in mehreren Staaten, deren „langfristiges geopolitisches Kalkül 1945 in die größte Vertreibung der Geschichte mündete“. Die Verharmlosung dieses Vorgangs stelle eine Menschenrechtsverletzung dar, „denn sie bedeutet eine unzulässige Diskriminierung der Opfer“. Die Erörterung der Vertreibung der Deutschen hat für den amerikanischen Experten „eine eminente Bedeutung für die Gegenwart“. Im politischen Bereich sollte die Suche nach gangbaren Wegen für die Verwirklichung des Rechts auf Heimat und einen gerechten Ausgleich auch in der schwierigen Eigentumsfrage „intensiviert“ werden.

Gernot Facius, DIE WELT, 10. Mai 2008.